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Tokioter Prozesse
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In den Tokioter Prozessen (japanisch ćąäşŹčŁĺ¤, TĹkyĹ Saiban) vor dem Internationalen Militärgerichtshof fĂźr den Fernen Osten (engl. International Military Tribunal for the Far East IMTFE, 漾ćąĺ˝éčťäşčŁĺ¤, KyokutĹ Kokusai Gunji Saiban) wurden nach Ende des Pazifikkriegs durch die Siegermächte 28 der politischen und militärischen FĂźhrer des Japanischen Kaiserreiches als Hauptkriegsverbrecher (major war criminals) insbesondere wegen Verbrechen gegen den Frieden angeklagt und verurteilt.
Die Anklage wurde am 29. April 1946 erhoben. Die Verhandlungen begannen am 3. Mai 1946, die UrteilsverkĂźndung erfolgte am 12. November 1948. Alle wesentlichen Originalunterlagen, Dokumente und Fotos sind abrufbar z. B. in der umfangreichen IMTFE â Digitalsammlung (The International Military Tribunal For The Far East) der University of Virginia Law Librarycite-ref-1[1] oder im National World War II Museum, New Orleans.cite-ref-2[2]
Contents
⢠Grundlage
⢠Angeklagte
⢠Ankläger
⢠Anklagepunkte
⢠Verteidigung
⢠Richter
⢠Urteile
⢠Literatur
⢠Aufsätze
⢠Weblinks
⢠Einzelnachweise
ââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââ
Grundlage
â
Hauptartikel
:
Kapitulation Japans
â
Hauptartikel
:
Besatzungszeit in Japan
Am 2. September 1945 hatte die Kaiserlich Japanische Armee gegenĂźber den Alliierten unter FĂźhrung der Vereinigten Staaten von Amerika bedingungslos kapituliert. Damit war der Zweite Weltkrieg auch in Asien beendet.
Der Supreme Commander for the Allied Powers Douglas MacArthur war von der Far Eastern Commission beauftragt worden, einen internationalen Militärgerichtshof zur Untersuchung und Verhandlung von Kriegsverbrechen zu errichten.cite-ref-3[3] Im Nßrnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher war das Gericht aufgrund des Londoner Viermächte-Abkommens vom 8. August 1945 (Nßrnberger Charta) errichtet worden. An dieser Charta orientierte sich MacArthur, als er am 19. Januar 1946 im Rahmen seiner Amtsgewalt das IMTFE-Statut, auch Tokio Charta genannt, in Kraft setzte. Im Gegensatz zur Nßrnberger Charta war die Grundlage des Gerichtshofes keine internationale Vereinbarung, sondern eine militärische Anordnung.cite-ref-1-4-0[4] Dieser Umstand wird als Indikator fßr den Einfluss der Vereinigten Staaten im Prozess gesehen,cite-ref-2-5-0[5] aber auch als Grund, warum der Prozess im Gegensatz zu dem in Nßrnberg weniger Aufmerksamkeit bekam.cite-ref-1-4-1[4]
Angeklagte
â
Hauptartikel
:
Japanische Kriegsverbrecher des Zweiten Weltkriegs
Neben militärischen Befehlshabern standen Politiker, Diplomaten und hohe Staatsbeamte vor Gericht.cite-ref-6[6] Der politische Philosoph und Propagandist Ĺkawa ShĹŤmei stellte hierbei eine Ausnahme dar.cite-ref-7[7] Der Oberbefehlshaber der Streitkräfte Japans, Kaiser Hirohito, wurde nicht angeklagt und auch nicht als Zeuge vorgeladen.cite-ref-8[8]
Dieses und das Verhalten General Douglas MacArthurs und des Brigadier General Bonner Fellers, die sich nach dem Krieg bemĂźhten, Kaiser Hirohito und die kaiserliche Familie vor Strafverfolgung zu schĂźtzen, wird unter anderem von den Historikern John Dower und Herbert Bix kritisiert. Die Verantwortlichkeiten der kaiserlichen Familie seien heruntergespielt und TĹjĹ Hideki â in dessen Amtszeit als Premierminister der GroĂteil des Pazifikkrieges fällt â als Hauptschuldiger dargestellt worden.cite-ref-9[9] MacArthur und Fellers hatten maĂgeblichen Einfluss auf die Nachkriegsordnung Japans und auf die amerikanische Entscheidung, Kaiser Hirohito auf dem Thron zu belassen.cite-ref-10[10]
Ankläger
| Nr. | Ankläger | Staat |
|---|---|---|
| 1. | Joseph B. Keenan (Chefankläger) | Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten |
| 2. | Sergei Alexandrowitsch Golunski | Sowjetunion 1923 Sowjetunion |
| 3. | Sir Alan James Mansfield | Australien 1903 Australien |
| 4. | Henry Grattan Nolan | Kanada 1921 Kanada |
| 5. | Hsiang Che-chun | China Republik 1928 China |
| 6. | Arthur Comyns Carr | Vereinigtes Konigreich Vereinigtes KĂśnigreich |
| 7. | Robert L. Oneto | Frankreich 1944 Frankreich |
| 8. | P. Govinda Menon | Britisch-Indien Britisch-Indien |
| 9. | Frederick Borgerhoff-Mulder | Niederlande Niederlande |
| 10. | Ronald Henry Quilliam | Neuseeland Neuseeland |
| 11. | Pedro LĂłpez | Philippinen 1944 Philippinen |
Weitere Mitarbeiter des Anklägerteams: Solis Horowitz, Willis E. Mahoney
Anklagepunkte
â
Hauptartikel
:
Japanische Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg
⢠VerschwÜrung gegen den Weltfrieden (Klagegrßnde 1 bis 36). Rechtsgrundlage war hier u. a. der Briand-Kellogg-Pakt, der Angriffskriege ächtete. Japan war diesem vÜlkerrechtlich verbindlichen Vertrag beigetreten. Das Gericht entschied, dass andere Anklagepunkte, die sich auf eine VerschwÜrung beziehen, nicht unter die Zuständigkeit des Gerichtes fielen.
⢠Mord an Kriegsgefangenen, Zivilisten und MilitärangehÜrigen (Klagegrßnde 37 bis 52)
⢠Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit (Klagegrßnde 53 bis 55). Rechtsgrundlage waren hier u. a. die Haager Landkriegsordnung mit Japan als Signatarstaat sowie das Abkommen ßber die Behandlung der Kriegsgefangenen. Dem Abkommen war Japan allerdings nicht beigetreten, es galt aber als VÜlkergewohnheitsrecht.
Am Ende wurden 55 Anklagepunkte in zehn zusammengefasst. Zwei Punkte, âVerschwĂśrung von Japan, Italien und Deutschland um Weltherrschaftâ und âInvasion in Thailandâ, wurden aus Mangel an Beweisen nicht verhandelt.
Während in die Nßrnberger Charta noch die Verfolgung aufgrund von religiÜsen Grßnden aufgenommen worden war, wurde dieser Anklagegrund in Tokio gestrichen. Auch gab es in der Tokio Charta keine Vorschriften ßber das Verbot krimineller Organisationen wie in Nßrnberg.
Die Formulierungen der Anklagepunkte wurde auch in Nachfolgeprozessen in China genutzt.cite-ref-11[11]
| Anklagepunkt | Inhalt |
|---|---|
| 1 | [Beteiligung] als FĂźhrer, Organisatoren, Anstifter oder Komplizen an der Planung oder AusfĂźhrung eines gemeinsamen Plans oder einer VerschwĂśrung zum FĂźhren von Angriffskriegen und eines Kriegs oder Kriegen, die internationales Recht verletzten |
| 27 | FĂźhren eines unprovozierten Krieges gegen China |
| 29 | FĂźhren eines Angriffskrieges gegen die Vereinigten Staaten |
| 31 | FĂźhren eines Angriffskrieges gegen das Britische Commonwealth |
| 32 | FĂźhren eines Angriffskrieges gegen die Niederlande |
| 33 | FĂźhren eines Angriffskrieges gegen Frankreich (Indochina) |
| 35, 36 | FĂźhren eines Angriffskrieges gegen die UdSSR |
| 54 | Anordnung, Autorisierung und Erlaubnis zur unmenschlichen Behandlung von Kriegsgefangenen und anderen |
| 55 | Vorsätzliche und rßcksichtslose Vernachlässigung der Pflicht, angemessene Schritte zur Prävention von Gräueltaten einzuleiten |
Verteidigung
Die meisten Verteidiger kamen aus dem ehemaligen Kriegs-, Marine- oder AuĂenministerium oder auch von verschiedenen Rechtsanwaltskammern.cite-ref-berger-2-12-0[12] Mit den ebenfalls zugelassenen amerikanischen Verteidigern, die sich anders als die japanischen auch mit dem anglo-amerikanischen Recht auskannten, kam es zu heftigen Konflikten um die Verteidigungsstrategie. Während es den Japanern auf eine Gesamtverteidigung der Nation ankam, wollten die Amerikaner den Schwerpunkt auf die individuelle Verteidigung jedes einzelnen Angeklagten legen.cite-ref-13[13]
Aus der MĂśglichkeit fĂźr das Gericht im MTFE-Statut, nach eigenem Ermessen Verteidiger von der Verhandlung ausschlieĂen sowie die Beweiserbringung oder BeweisfĂźhrung der Verteidigung zu beschränken, konstatieren einzelne âeine systematische Behinderung der Verteidigungâ.cite-ref-berger-2-12-1[12]
Richter
Vorsitzender (Präsident): William F. Webb
| Nr. | Richter | benennender Staat |
|---|---|---|
| 1. | John Patrick Higgins , abgelĂśst durch Myron C. Cramer [ 14 ] | Vereinigte Staaten 48 Vereinigte Staaten |
| 2. | Iwan Michejewitsch Sarjanow | Sowjetunion 1923 Sowjetunion |
| 3. | William Donald Patrick | Vereinigtes Konigreich Vereinigtes KĂśnigreich |
| 4. | Henri Bernard | Frankreich 1944 Frankreich |
| 5. | Bernard V. A. RĂśling | Niederlande Niederlande |
| 6. | Mei Ju-ao | China Republik 1928 China |
| 7. | William F. Webb | Australien Australien |
| 8. | Harvey Northcroft | Neuseeland Neuseeland |
| 9. | Edward Stuart McDougall | Kanada 1921 Kanada |
| 10. | Radhabinod Pal | Britisch-Indien Britisch-Indien |
| 11. | DelfĂn Jaranilla | Philippinen 1944 Philippinen |
Urteile
| Nr. | Angeklagter | Position | Urteil | Anklagepunkte ( 1 ) | Anklagepunkte ( 1 ) | Anklagepunkte ( 1 ) | Anklagepunkte ( 1 ) | Anklagepunkte ( 1 ) | Anklagepunkte ( 1 ) | Anklagepunkte ( 1 ) | Anklagepunkte ( 1 ) | Anklagepunkte ( 1 ) | Anklagepunkte ( 1 ) |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Nr. | Angeklagter | Position | Urteil | 1 | 27 | 29 | 31 | 32 | 33 | 35 | 36 | 54 | 55 |
| 1. | TĹjĹ Hideki | General, Ministerpräsident , Generalstabschef | Todesurteil | S | S | S | S | S | S | | U | S | A |
| 2. | MutĹ Akira | Generalleutnant | Todesurteil | S | S | S | S | S | U | | U | S | S |
| 3. | Itagaki SeishirĹ | General | Todesurteil | S | S | S | S | S | U | S | S | S | A |
| 4. | Matsui Iwane | General | Todesurteil | U | U | U | U | U | | U | U | U | S |
| 5. | Kimura HeitarĹ | General | Todesurteil | S | S | S | S | S | | | | S | S |
| 6. | Doihara Kenji | General, Chef des japanischen Nachrichtendienstes in Mandschukuo | Todesurteil | S | S | S | S | S | U | S | S | S | A |
| 7. | Hirota KĹki | Ministerpräsident, AuĂenminister, Botschafter in der Sowjetunion | Todesurteil | S | S | U | U | U | U | U | | U | S |
| 8. | Nagano Osami | Admiral | noch vor Prozessende am 5. Januar 1947 verstorben | | | | | | | | | | |
| 9. | Hashimoto KingorĹ | Oberst | lebenslange Haft (entlassen 1955) | S | S | U | U | U | | | | U | U |
| 10. | Oka Takazumi | Vizeadmiral | lebenslange Haft (entlassen 1954) | S | S | S | S | S | | | | U | U |
| 11. | SatĹ KenryĹ | Generalleutnant | lebenslange Haft (entlassen 1956) | S | S | S | S | S | | | | U | U |
| 12. | Minami JirĹ | General, Generalgouverneur Koreas | lebenslange Haft (entlassen 1954) | S | S | U | U | U | | | | U | U |
| 13. | Shimada ShigetarĹ | Admiral, Marineminister | lebenslange Haft (entlassen 1955) | S | S | S | S | S | | | | U | U |
| 14. | Hata Shunroku | Generalfeldmarschall | lebenslange Haft (entlassen 1955) | S | S | S | S | S | | U | U | U | S |
| 15. | Araki Sadao | General, Kriegsminister | lebenslange Haft (entlassen 1955) | S | S | U | U | U | U | U | U | U | U |
| 16. | Oshima Hiroshi | Generalleutnant, Botschafter im Deutschen Reich | lebenslange Haft (entlassen 1955) | S | U | U | U | U | | | | U | U |
| 17. | Umezu YoshijirĹ | General, Kommandant der KantĹarmee | lebenslange Haft (in Haft 1949 verstorben) | S | S | S | S | S | | | U | U | U |
| 18. | Hoshino Naoki | Kanzleidirektor von Mandschukuo | lebenslange Haft (entlassen 1955) | S | S | S | S | S | U | U | | U | U |
| 19. | Koiso Kuniaki | General, Generalgouverneur Koreas , Ministerpräsident | lebenslange Haft (in Haft 1950 verstorben) | S | S | S | S | S | | | U | U | S |
| 20. | Suzuki Teiichi | Generalleutnant, Chef des Planungsamts | lebenslange Haft (entlassen 1955) | S | S | S | S | S | | U | U | U | U |
| 21. | Hiranuma KiichirŠ| Ministerpräsident | lebenslange Haft (entlassen und verstorben 1952) | S | S | S | S | S | U | U | S | U | U |
| 22. | Kido KĹichi | Kaiserlicher Siegelbewahrer, Kulturminister, Sozialminister, Innenminister | lebenslange Haft (entlassen 1955) | S | S | S | S | S | U | U | U | U | U |
| 23. | Kaya Okinori | Finanzminister | lebenslange Haft (entlassen 1955) | S | S | S | S | S | | | | U | U |
| 24. | TĹgĹ Shigenori | AuĂenminister, Botschafter in der Sowjetunion und Deutschland | 20 Jahre Haft (in Haft 1950 verstorben) | S | S | S | S | S | | | U | U | U |
| 25. | Shiratori Toshio | Botschafter in Italien | lebenslange Haft (in Haft 1949 verstorben) | S | U | U | U | U | | | | | |
| 26. | Shigemitsu Mamoru | AuĂenminister, Botschafter in England | sieben Jahre Haft (entlassen 1950) | U | S | S | S | S | S | U | | U | S |
| 27. | Ĺkawa ShĹŤmei | Politischer Philosoph, Ultranationalist, Vordenker und Propagandist der Kriegstheorie | erlitt am ersten Tag des Prozesses einen Nervenzusammenbruch, wurde in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen und 1948 als freier Mann entlassen | | | | | | | | | | |
| 28. | Matsuoka YĹsuke | AuĂenminister, Vertreter beim VĂślkerbund | noch vor dem Prozessende am 26. Juni 1946 verstorben | | | | | | | | | | |
S: schuldig; U: unschuldig; A: anderes
Als Urteil wurde das Mehrheitsvotum von Richtern aus den USA, GroĂbritannien, der Sowjetunion, der Republik China, Kanada und Neuseeland angenommen. Richter aus den Niederlanden, Frankreich, Indien, Philippinen und Australien verĂśffentlichten einzelne Minderheitsvoten. Besonders das Freispruchsvotum des indischen Richters Radhabinod Pal, der die Prozesse als Siegerjustiz betrachtete, wurde bekannt â wenn auch nur im Ausland; die VerĂśffentlichung seines Votums in Japan wurde von den Besatzungsmächten verboten. Von besonderem Interesse sind die Verurteilungen wegen âFĂźhren eines Angriffskrieges gegen die UdSSRâ, da die UdSSR vor dem Kriegsende Friedensvermittlungen zwischen Japan und den USA angekĂźndigt hatte, am 8. August 1945 jedoch Ăźberraschend Japan den Krieg erklärte, wozu sie jedoch nach den Abkommen von Jalta gezwungen war. Die Anklage basiert in diesem Punkt auf den militärischen Auseinandersetzungen zwischen Japan und der Sowjetunion 1938/39. Die Todesurteile wurden am 23. Dezember 1948, dem 15. Geburtstag von Prinz Akihito, im Sugamo-Gefängnis in Tokio vollstreckt.
Rezeption und Kritik
Der Prozess blieb auĂerhalb Asiens lange Zeit weit weniger beachtet als der NĂźrnberger Hauptkriegsverbrecherprozess.
Ein Grund wird in der unterschiedlichen Dokumentation der beiden Prozesse vermutet.cite-ref-berger-15-0[15] Schon kurz nach Beendigung des NĂźrnberger Tribunals wurden die Prozessprotokolle und âurteile im Jahr 1947 in englischer, franzĂśsischer, russischer und deutscher Sprache verĂśffentlicht.cite-ref-16[16] Nach Abschluss des Tokioter Tribunals wurden diese Dokumente lediglich den Beteiligten des Verfahrens Ăźbergeben.cite-ref-berger-15-1[15] Auf eine VerĂśffentlichung wurde zunächst verzichtet. Erst im Jahr 1968 wurden die Prozessmaterialien in japanischer Sprache Ăśffentlich gemacht. Die englische Fassung der Prozessdokumente erschien erst Anfang der 1980er Jahre.cite-ref-berger-15-2[15]
Die NS-BehĂśrden haben ihre Tätigkeit in weit mehr Akten festgehalten als die japanische BĂźrokratie, die traditionell eher auf Schriftlichkeit verzichtete. So lag in NĂźrnberg weit mehr schriftliches Beweismaterial als Grundlage einer späteren wissenschaftlichen Auseinandersetzung vor als in Tokio.cite-ref-berger-15-3[15] MĂśglicherweise wurden vor Prozessbeginn in Tokio auch belastende Dokumente vernichtet.cite-ref-17[17] Die in NĂźrnberg angeklagten hohen NS-Vertreter waren zudem auĂerhalb Japans weit bekannter als die Angeklagten in Tokio.cite-ref-herde-18-0[18]
Japanische Nationalisten kritisieren das Militärtribunal bis heute als ungerechte Siegerjustiz,cite-ref-dw-19-0[19] nicht nur wegen der gravierenden Ăbersetzungsprobleme von der englischen in die japanische Sprache vor und während der Verhandlung, sondern etwa auch weil der philippinische Richter Delfin Jaranilla an dem Todesmarsch von Bataan teilnehmen musste und daher als befangen galt. Die Richter Henri Bernard, Bert RĂśling und Radhabinod Pal haben im Nachhinein die Legitimität des Gerichtshofs und die Rechtstaatlichkeit des Verfahrens bezweifelt.cite-ref-dw-19-1[19] Auch der NĂźrnberger Chefankläger Telford Taylor war der Meinung, die Kriegsverbrechen des japanischen Militärs seien im Gegensatz zum NS-Staat nicht auf Befehle der politischen FĂźhrung zurĂźckgegangen, weshalb man die politische FĂźhrung in Japan nicht hätte anklagen dĂźrfen.cite-ref-20[20] Der Yasukuni-Schrein reihte denn auch vierzehn vom Tribunal verurteilte Japaner unter die fĂźr die Nation Gefallenen ein.cite-ref-dw-19-2[19] Generell werden die japanischen Kriegsverbrechen in Japan im Gegensatz zu den NS-Verbrechen in Deutschland nicht systematisch aufgearbeitet.cite-ref-herde-18-1[18]cite-ref-21[21]cite-ref-22[22] Vor dem Hintergrund der AtombombenabwĂźrfe auf Hiroshima und Nagasaki sah sich Japan lange als Opfer des Krieges, nicht als Täter.cite-ref-23[23]
Mit der Aufnahme des Verbrechens des Angriffskrieges in den Katalog der Straftatbestände des RÜmischen Statuts des Internationalen Strafgerichtshofs im Jahr 2018 erhielt der Prozess wieder mehr internationale Aufmerksamkeit.cite-ref-24[24]
Weitere Prozesse gegen japanische Kriegsverbrecher
Konventionelle Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurden von nationalen Militärgerichten der im Pazifikkrieg seit 1937 von Japan eroberten und besetzten Gebiete abgeurteilt.
319 derartige Fälle wurden in den Kriegsverbrecherprozessen von Yokohama verhandelt, weitere in China, auf Guam, in Indochina, Manila, Neuguinea, Niederländisch-Indien, Shanghai und Singapur.
Literatur
⢠Gary J. Bass: Judgment at Tokyo: World War II on Trial and the Making of Modern Asia. Knopf, New York 2023.
⢠Arnold C. Brackman: The other Nuremberg. The untold story of the Tokyo war crimes trials. Morrow, New York NY 1987, ISBN 0-688-04783-1.
⢠John L. Ginn: Sugamo Prison, Tokyo. An Account of the Trial and Sentencing of Japanese War Criminals in 1948, by a U.S. Participant. McFarland & Company, Jefferson NC u. a. 1992, ISBN 0-89950-739-5.
⢠Jeanne Guillemin: Hidden Atrocities: Japanese Germ Warfare and American Obstruction of Justice at the Tokyo Trial. Columbia University Press, New York 2017, ISBN 978-0-231-18352-9.
⢠Tim Maga: Judgment at Tokyo. The Japanese War Crimes Trials. University Press of Kentucky, Lexington KY 2001, ISBN 0-8131-2177-9.
⢠Frank Michelin: Le procès des criminels de guerre japonais. L'Histoire. Nr. 271, 2002, S. 54â62.
⢠Richard H. Minear: Victors' Justice. The Tokyo War Crimes Trial (= Michigan Classics in Japanese Studies. 22). Reprinted Edition. University of Michigan, Ann Arbor MI 2001, ISBN 1-929280-06-8.
⢠Philipp Osten: Der Tokioter KriegsverbrecherprozeĂ und die japanische Rechtswissenschaft (= Berliner Juristische Universitätsschriften. Strafrecht. 16). BWV â Berliner Wissenschaftsverlag, Berlin 2003, ISBN 3-8305-0376-8 (Zugleich: Berlin, Humboldt-Universität, Dissertation, 2002).
⢠Radhabinod B. Pal: International Military Tribunal For The Far East. Dissentient Judgement Of Justice Pal. Kokusho Kankoukai Inc., Tokyo 1999, ISBN 4-336-04110-5 (Volltext).
⢠R. John Pritchard (Hrsg.): The Tokyo War Crimes Trial. The Complete Transcripts of the Proceedings of the International Military Tribunal for the Far East. 22 Bände. Garland, New York NY u. a. 1981.
⢠Annette Wieviorka (Hrsg.): Les Procès de Nuremberg et de Tokyo. Ăditions Complexe, BrĂźssel 1996, ISBN 2-87027-612-5.
Aufsätze
⢠Ein Loch. In: Der Spiegel. Nr. 7, 1979, S. 128 (online â 12. Februar 1979).
⢠Franziska Seraphim: Kriegsverbrecherprozesse in Asien und globale Erinnerungskulturen. In: Christoph CorneliĂen, Lutz Klinkhammer, Wolfgang Schwentker (Hrsg.): Erinnerungskulturen. Deutschland, Italien und Japan seit 1945 (= Fischer. 15219, Die Zeit des Nationalsozialismus.). 2. Auflage. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-596-15219-4, S. 77â92.
Japanische Sekundärliteratur
⢠Awaya Kentaro: TĹkyĹ Saiban ShiryĹ. TĹkyĹ 1994.
⢠Awaya Kentaro: TĹkyĹ Saiban e no Michi. TĹkyĹ 1994.
⢠Awaya Kentaro: TĹkyĹ Saibanron. TĹkyĹ 1989.
⢠Noboru Kojima: TĹkyĹ Saiban. TĹkyĹ 1974.
Deutsche und englische Sekundärliteratur
⢠Ian Buruma: Erbschaft der Schuld. Vergangenheitsbewältigung in Deutschland und Japan. Hanser, Mßnchen u. a. 1994, ISBN 3-446-17602-0.
⢠Roland Berger: Die internationalen Militärtribunale von Nßrnberg und Tokio. Eine rechtshistorische Aufarbeitung. Johannes Kepler Universität Linz, März 2015 (Volltext online.)
⢠Bernard V. A. RÜling: The Tokyo Trial and Beyond. Reflections of a Peacemonger. Edited and with an introduction by Antonio Cassese. Polity Press, Cambridge 1993, ISBN 0-7456-1006-4.
⢠Solis Horwitz: The Tokyo Trial. In: International Conciliation. Nr. 465, 1950, ZDB-ID 220444-7, S. 473â584.
⢠Chihiro Hosoya, Nisuki Ando, Yasuaki Ĺnuma, Richard Minear (Hrsg.): The Tokyo War Crimes Trial. An International Symposium. Kodansha, Tokyo 1986, ISBN 0-87011-750-5.
⢠Philip R. Piccigallo: The Japanese on Trial. Allied war Crimes Operations in the East, 1945â1951. University of Texas Press, Austin TX u. a. 1979, ISBN 0-292-78033-8.
⢠Zhang Sheng: The Rape of Nanking. De Gruyter Oldenbourg, Berlin, Boston 2021, ISBN 978-3-11-065233-8, Cases in the International Military Tribunal for the Far East Trial Arguments and Their âLegacyâ. Based in a Study of Cross-examinations, S. 559â604, doi:10.1515/9783110652789.
Film und Fernsehen
Der Prozess ist Gegenstand eines 2006 erschienenen und dort viel beachteten chinesischen Films von Gao Qunshu, The Tokyo Trial (111 Min.), in drei Sprachversionen Mandarin, Englisch und Japanisch.
2016 produzierte der japanische Sender NHK die auĂerhalb Japans durch Netflix vertriebene Miniserie Tokyo Trial, die die Ereignisse aus Sicht der Richter zeigt.
2015 waren die Prozesse Gegenstand des arte-Films Death by hanging â der Kriegsverbrecherprozess von Tokio.cite-ref-25[25]
Die fßnfte Episode 1946. Die Tokioter Prozesse der achten Staffel der Arte-Dokumentationsreihe Verschollene Filmschätze analysiert die von dem Prozess gemachten Filmaufnahmen und ordnet sie ein.cite-ref-26[26]
Weblinks
Commons
: Internationaler Militärgerichtshof fßr den Fernen Osten
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
⢠Tokioter Kriegsverbrecherprozess â Die ErĂśffnung, Histoclips â Video, 16. Juni 2020
⢠Tokioter Kriegsverbrecherprozess â UrteilsverkĂźndung, Histoclips â Video, 2020
⢠Judgment â International Military Tribunal for the Far East Komplette Dokumente der Verhandlungen mit allen Anklagepunkten und Urteilen (englisch)
⢠Eine Magisterarbeit ßber den japanischen Film Puraido (1998), der sich mit den Tokioter Prozessen auseinandersetzt (Memento vom 9. Juni 2007 im Internet Archive) (archiviert bei Internet Archive)
⢠Philipp Osten: Der Tokioter Kriegsverbrecherprozeà und seine Rezeption in Japan
⢠https://www.dw.com/de/die-ewige-last-der-tokioter-prozesse/a-18986295 Darstellung des Prozesses sowie die Folgen des Prozesses und seine Bedeutung fßr die heutigen politischen Verhältnisse
⢠https://oe1.orf.at/artikel/203644/Das-Tribunal-in-Tokio
Einzelnachweise
cite-note-11. â The International Military Tribunal For The Far East., Homepage der "U.Va. Law Library", Charlottesville, Virginia (USA), abgerufen am 20. Dezember 2023. (englisch)
cite-note-22. â Tokyo War Crimes Trial., Homepage National World War II Museum, New Orleans, Louisiana (USA), abgerufen am 20. Dezember 2012. (englisch)
cite-note-33. â United States: Treaties and Other International Agreements of the United States of America, 1776-1949: Multilateral, 1946-1949. Department of State, 1968, S. 21 ff. (google.com [abgerufen am 6. Juli 2023]).
cite-note-1-44. â Morten Bergsmo, Cheah Wui Ling: Old Evidence and Core International Crimes. Torkel Opsahl Academic EPublisher, 2012, ISBN 978-82-93081-60-9, S. 258â259.
cite-note-2-55. â Morten Bergsmo, Cheah Wui Ling, Y. I. Ping: Historical Origins of International Criminal Law: Volume 2. Torkel Opsahl Academic EPublisher, 2014, ISBN 978-82-93081-13-5, S. 12.
cite-note-66. â Philipp Osten: Der Tokioter KriegsverbrecherprozeĂ und seine Rezeption in Japan â Japan und das VĂślkerstrafrecht. In: SaarbrĂźcker Bibliothek, Dezember 2003.
cite-note-77. â Ken'ichi Mishima, Wolfgang Schwentker (Hrsg.): Geschichtsdenken im modernen Japan. Eine kommentierte Quellensammlung (= Monographien aus dem Deutschen Institut fĂźr Japanstudien. 56). Iudicium, MĂźnchen 2015, ISBN 978-3-86205-044-4.
cite-note-88. â Edward Behr: Hirohito. Behind the Myth. Villard, New York NY 1989, ISBN 0-394-58072-9; Herbert P. Bix: Hirohito and the Making of Modern Japan. HarperCollins, New York NY 2000, ISBN 0-06-019314-X.
cite-note-99. â Herbert P. Bix: Hirohito and the making of modern Japan. Perennial, New York NY 2001, ISBN 0-06-019314-X, S. 583â585; John W. Dower: Embracing defeat. Japan in the Wake of World War II. Norton u. a., New York NY 1999, ISBN 0-393-04686-9, S. 324â326.
cite-note-1010. â Winfried Scharlau: Der General und der Kaiser. Die amerikanische Besatzung Japans 1945â1952. Hauschild, Bremen 2003, ISBN 3-89757-197-8.
cite-note-1111. â Morten Bergsmo, Cheah Wui Ling, Y. I. Ping: Historical Origins of International Criminal Law: Volume 2. Torkel Opsahl Academic EPublisher, 2014, ISBN 978-82-93081-13-5, S. 12, 32, 105â106, 181â182.
cite-note-berger-2-1212. â Roland Berger: Die internationalen Militärtribunale von NĂźrnberg und Tokio. Eine rechtshistorische Aufarbeitung. Johannes Kepler Universität Linz, März 2015, S. 41 f.
cite-note-1313. â Vgl. Boister/Cryer, The Tokyo International Military Tribunal: A Reappraisal (2008) 79 f.
cite-note-141. Malcolm J. Thurman, Christine A. Sherman: War crimes: Japan's World War II atrocities. Turner, Paducah KY 2001, ISBN 1-56311-728-2, S. 16.
cite-note-berger-1515. â Roland Berger: Die internationalen Militärtribunale von NĂźrnberg und Tokio. Eine rechtshistorische Aufarbeitung. Johannes Kepler Universität Linz, März 2015, S. 50 f.
cite-note-1616. â Protokolle des NĂźrnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses. Links zu den 42 Bänden, Internationales Forschungsâ und Dokumentationszentrum Kriegsverbrecherprozesse, abgerufen am 26. März 2025.
cite-note-1717. â Philipp Osten: Der Tokioter KriegsverbrecherprozeĂ und die japanische Rechtswissenschaft, 2003, S. 16 f.
cite-note-herde-1818. â Robert B. Herde: Das Internationale Militärtribunal fĂźr den Fernen Osten in Tokyo. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Der Nationalsozialismus vor Gericht. Fischer Verlag, 2. Aufl. 2000, S. 217 ff., 223.
cite-note-dw-1919. â Martin Fritz: Die ewige Last der Tokioter Prozesse. Deutsche Welle, 19. Januar 2016.
cite-note-2020. â Telford Taylor: Guilt, responsibility and the Third Reich. Cambridge 1969, S. 9 ff.
cite-note-2121. â Christina Maria Pachler : Kriegsbewältigung in Japan. Zwischen Aufarbeitung und Revisionismus. Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, April 2019.
cite-note-2222. â Steffi Richter: Massenmedialer Geschichtsrevisionismus im gegenwärtigen Japan: Filmische Repräsentationen der âTĹkyĹ-Tribunal-Geschichtsauffassungâ. Japan Jahrbuch (JJB) der Vereinigung fĂźr sozialwissenschaftliche Japanforschung 2009, S. 273â299.
cite-note-2323. â Die âTrostfrauenâ und die Aufarbeitung ihres Schicksals. Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages, Ausarbeitung vom 6. Oktober 2010.
cite-note-2424. â Viviane E. Dittrich, Jolana Makraiova: Towards a Fuller Appreciation of the Tokyo Tribunal. In: The Tokyo Tribunal â Perspectives on Law, History and Memory. Torkel Opsahl Academic EPublisher 2020, ISBN 978-82-8348-138-9, S. 4 f.
cite-note-2626. â Verschollene Filmschätze 1946. Die Tokioter Prozesse. In: programm.ard.de, abgerufen am 8. September 2023.